DGV-Tagung 2011: Wa(h)re "Kultur"?
Tagungsthema
Wa(h)re "Kultur"?
Kulturelles Erbe, Revitalisierung und die Renaissance der Idee von Kultur.
In der Gegenwart erhält "Kultur" immer neue Bedeutungen und wird zur Begründung immer neuer Handlungspraktiken herangezogen. Der Begriff trägt dazu bei, sich Gewissheit über gesellschaftliche Zugehörigkeit zu verschaffen, und er wurde zu einem Instrument, das es den verschiedensten sozialen Gruppen ermöglicht, Rechte und Transferleistungen einzufordern. Während die Ethnologie mit „Kultur“ durch eine über hundertjährige Geschichte der Definition und Revision von wissenschaftlichen Zugängen verbunden ist, sind in Politik und Gesellschaft immer häufiger Praktiken zu beobachten, die den Begriff „Kultur“ als subjektive und imaginative Strategie nutzen, um spezifische Interessen durchzusetzen. Übersetzungsleistungen, die zu Begriffen wie Firmenkultur, Freizeitkultur und gastronomische Kultur geführt haben, verweisen auf die Aktualität des Begriffs und auf einen möglichen ökonomischen Wert seines erweiterten Gebrauchs.
Ethnologen als Experten für die historischen Ambivalenzen der Idee von „Kultur“ sind gefordert, Gründe für die gegenwärtige Renaissance dieses Begriffes aufzuzeigen und zu erklären, warum die Verfügung über „Kultur“ zu einer erfolgversprechenden Strategie der gesellschaftlichen Anerkennung geworden ist. Ausgehend von dem Wissen, dass es in den meisten Fällen nicht möglich ist, bestimmte historisch bedeutungsvolle Kulturphänomene zeitgenössischen Gruppen zuzuordnen, fokussieren Ethnologen ihren Blick darauf, wie „Genealogien von Kulturen“ konstruiert oder mit Plausibilität versehen werden. Sie fragen zudem kritisch, ob die neue Popularität von „lokalen Kulturen“ aus dem damit verbundenen Gegengewicht gegen die Globalisierung zu erklären ist, das sich unter anderem in der Diversity-Konvention der UNESCO als neuer globaler Norm zeigt, oder ob sie doch eher eine Form der Selbstvermarktung ist. Die Revitalisierung ausgewählter Traditionen ist eine weitere Strategie, mit der die Anerkennung der „Besitzer“ dieser Kultur durchgesetzt wird. Die Begriffe des „kulturellen Erbes“ sowie der „kulturellen Rechte“ werden somit zu Ressourcen und zugleich zu einem umkämpften Terrain, wobei die Kriterien der Inklusion oder Exklusion zu diesen Kategorien – wie zu „Kultur“ überhaupt – kaum je geklärt wurden. Vor dem Hintergrund dieser widersprüchlichen Entwicklungen soll die Konferenz einen Beitrag zur kritischen Reflexion des gegenwärtigen „Gebrauchs von Kultur“ leisten.
Keynote Speaker:
Gustavo Lins Ribeiro (Department of Anthropology, University of Brasilia)
What's in a Copy.
14. September 2011, 16.00 Uhr
anschließend Empfang des Instituts für Sozialanthropologie der ÖAW (freier Eintritt)
Plenarveranstaltungen
I. Antinomien des Kulturbegriffs
(Leitung: Hans Peter Hahn, Frankfurt)
Vor 20 Jahren hat sich Lila Abu-Lughod mit „Writing against Culture“ gegen die Verwendung des Kulturbegriffs in der Ethnologie gewendet und auf seine problematischen Konnotationen hingewiesen. Vor dem Hintergrund der mit der Geschichte des Faches eng verwobenen Debatte um Definitionen von „Kultur“ ist der viel beachtete Essay ein Schlüsselelement zu einer Debatte, die den Niedergang des Kulturbegriffs begleitet. Zugleich findet, von der Ethnologie kaum beachtet, ein überraschender Boom im Gebrauch des Kulturbegriffs statt, der in vieler Hinsicht dem wissenschaftlichen Verständnis widerspricht. Möglicherweise wird „Kultur“ dabei einfach nur für die Vertretung von Interessen von Minderheiten, für Marketingstrategien und oder als Gegenpol gegen die homogenisierenden Kräfte der Globalisierung verwendet. „Kultur“, die damit für problematische Formen der (Selbst-) Positionierung steht, hat – trotz der überwiegend kritischen Perspektive im Fach – in der öffentlichen Wahrnehmung eine hohe Überzeugungskraft. Wie kann die Ethnologie auf diese Widersprüche reagieren? Wie können verschiedene Verwendungen gegeneinander abgegrenzt werden? Sollten sich Ethnologen viel deutlicher gegen solche „funktionalen“ Verwendungen des Begriffs wenden?
15. September 2011, 9:30 bis 11:30 Uhr
Hörsaal 1 im NIG der Universität Wien, Universitätsstr. 7, 1010 Wien
„Culture, Our Hope?” Ethnologische Debatten über Kultur zwischen Identitätsdiskursen und Wissenschaftspolitik
Carola Lentz, Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Kultur und „Kulturvölker“. Kritische Anmerkungen zu einer deutsch-amerikanischen Tradition
Chris Hann, Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung, Halle/Saale
Wenn Kultur überall ist – dann sind Widersprüche unvermeidbar
Joana Breidenbach, Betterplace gAG, Berlin
Antinomien des Multikulturalismus
Martin Sökefeld, Ludwig-Maximilians-Universität München
II. JungforscherInnen-Forum
(Leitung: Thomas Fillitz, Wien, und Andre Gingrich, Wien)
Das Konferenzthema „Wa(h)re Kultur“ soll unter einem der folgenden Aspekte betrachtet werden: Welche Diskurse von Kultur werden von GesprächspartnerInnen praktiziert: Wann, warum und in welchen Situationen begegneten die JungforscherInnen essentialisierenden Praktiken, wann haben dieselben GesprächspartnerInnen prozessuale Formen angewandt? Wie erfolgte die Umsetzung in den sozial- und kulturanthropologischen, wissenschaftlichen Diskurs der JungforscherInnen, welchen Schwierigkeiten sind sie dabei begegnet? „Kultur“ in rechten bis rechtsradikalen Umfeldern. Dargestellt sollen Schwierigkeiten in der wissenschaftlichen Erforschung solcher Kreise werden. Sozialisierung im Sinne einer „kulturellen Identität“ und „Weltoffenheit:“ Widerspruch, Konflikt, oder miteinander vernetzte Felder?
16. September 2011, 9:30 bis 11:30 Uhr
Hörsaal 1 im NIG der Universität Wien, Universitätsstr. 7, 1010 Wien
Besessenheit im Wandel: Die Kultur der Götterverehrung in einem westindischen Tempelkult
Pablo Holwitt, Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Kultur verhandeln. Indigene Gemeinschaften auf den Nikobaren und Andamanen im Fokus des „Culture Talks“ der Nach-Tsunami-Medienberichterstattung 2004/05
Brigitte Vettori, Universität Wien
Zwischen Bleiglas, Mantovarka und Fotoalben – russlanddeutsches Zuhause als Identitätsspiegel einer Aussiedlergemeinschaft
Natalja Salnikova, Universität Wien
"Hunger nach dem Unbekannten" oder universelles Mittel zur Selbsterfahrung? Capoeira Angola zwischen Afrika, Brasilien und Deutschland
Sarah Lempp, Universität Leipzig
III. Wa(h)re Rechte – Zur Politik der Kulturellen Rechte / The Politics of Cultural Rights
(Leitung: Ute Röschenthaler, Frankfurt, und Verena Traeger, Wien)
Human Rights, Indigenous Peoples Rights und Cultural Rights sollen weltweit Diskriminierungen und der Nivellierung kultureller Unterschiede entgegenwirken und Menschen helfen, ein Minimum an Selbstbestimmung, ökonomischer Basis sowie ihre sprachliche und kulturelle Eigenständigkeit zu sichern. Gerade der Schutz von Rechten von Indigenen und Minderheiten hat besondere Dringlichkeit, da diese meist seit Jahrhunderten ihr Land, ihre Sprache und Kultur gegen ausbeuterische wirtschaftliche Interessen und dominante gesellschaftliche Kräfte von außen verteidigen müssen. So protestierten jüngst Inuit gegen die Unterminierung ihrer Lebensweise durch die globale Erderwärmung mit Hilfe einer Klimawandelklage gegen die USA als Hauptverursacher des Treibhauseffektes und forderten so ihr (Menschen)Recht auf Kälte ein. Konfliktpotential liegt auch in der Legitimierung von Rechtsansprüchen, da Rechtssysteme naturgemäß von einem statischen Kulturbegriff ausgehen, während aus anthropologischer Sicht Kultur immer einem ständigen Kulturwandel unterliegt. Wer darf aber aus welchen Gründen und zu wessen Vorteil etwas schützen und wie verhält sich das Recht auf Bewahrung der eigenen kulturellen Praxis zum Recht auf Entwicklung und wie in der Interaktion mit anderen Gruppen? Im Rahmen der Plenarsitzung sollen diese eng miteinander verknüpften Themen aus der Perspektive verschiedener Kontinente beleuchtet werden.
Human rights, indigenous peoples' rights and cultural rights are important achievements that shall ensure self-determination and livelihood. These are of particular urgency regarding the protection of minorities, their culture and land against the exploitation by dominant social and economic interests. Important instruments are legal regulations on the maintenance of culture governing the handling, circulation and preservation of knowledge, intellectual property and cultural goods. As convincing as this sounds, far from clear is what exactly is to be protected for whose benefit, and which are the possibilities offered by existing law for their implementation. Furthermore, how does the static legal concept of the culture of ethnic groups relate to local strategies of preserving culture and the natural environment? What is the relation between rights to the preservation of tradition and rights to development? What does the right to cultural difference mean in relation to anti-discrimination laws? Should the recent claims of Inuit for a right on cold be seen as a localized demand or does it ultimately represent long-term global interests? This plenary session will examine these closely related issues as they are discussed on different continents.
15. September 2011, 19:00 bis 21:00 Uhr
Hörsaal 1 im NIG der Universität Wien, Universitätsstr. 7, 1010 Wien
Taking Indigenous Peoples’ Cultural Rights Seriously
Elsa Stamatopoulou, Columbia University, New York
The Dilemma of Indigenous Peoples’ Rights
Sam Deloria, American Indian Graduate Center, Albuquerque
Meanings of Indigeneity in Malaysia: Looking at the Present and the Past
Sandra Khor Manickam, National University of Singapore
Autochthony, Migration and Cultural Rights
Antoine Socpa, The University of Yaoundé I, Kamerun
Internal Community Decision-Making on Cultural Knowledge for School Children
Vivian Arviso, Ways of Life: Iina, Arviso Educational Services, Inc.
IV. Die Repatriierung von Kulturgütern - Versuch einer kritischen Bilanz
(Leitung: Karl-Heinz Kohl, Frankfurt)
Seit vor ca. 40 Jahren die internationale Repatriierungsdebatte begann, haben sich zahlreiche ethnologische Museen dazu entschlossen, sakrale und andere kulturell bedeutsame Objekte in ihre Herkunftsländer zurückzuführen. Tatsächlich waren einige dieser Gegenstände unter dubiosen Umständen in den Besitz der Sammlungen gelangt. Dennoch erfolgten die Rückgaben meist erst unter politischem Druck. Oft waren sie auch mit Kontroversen darüber verbunden, ob und inwieweit die Wortführer indigener Gruppen zu solchen Forderungen überhaupt legitimiert waren. Während die öffentlichen Debatten um die Rückgabeforderungen gut dokumentiert sind, weiß man über den Verbleib der zurückgegebenen Kulturgüter nur wenig. Sind sie wieder ihren ursprünglichen Zwecken zugeführt worden? Werden sie heute in lokalen ethnologischen Museen und Kulturzentren öffentlich ausgestellt oder nur im Verborgenen verwahrt? Sind einige zurückerstattete Stücke nicht bald wieder auf dem internationalen Kunstschwarzmarkt aufgetaucht? Und wie steht es überhaupt um ihren politisch-symbolischen Wert, sobald die Rückerstattung erst einmal erfolgt ist? In der Plenarveranstaltung soll eine kritische Bilanz bisheriger Repatriierungsbemühungen gezogen werden.
17. September 2011, 09:30 bis 11:30 Uhr, Vortragssaal
Museum für Völkerkunde, Heldenplatz/Neue Burg, 1010 Wien
The Repatriation Movement and its Implications for Restorative Cultural Policies in the U.S. and Beyond
Michael F. Brown, Williams College, Williamstown, Massachusetts, USA
The Big Picture: The National Museum of Australia’s experiences in the repatriation of sacred objects.
Michael Pickering, National Museum of Australia, Canberra, Australia
Many histories, many goals: Ethnographic collections in the crosshairs of competing claims and rights
Brigitta Hauser-Schäublin, Georg-August-Universität Göttingen
V. Verwa(h)rung und Verwandlung: Museen im Zeitalter der Globalisierung
(Leitung: Christian Feest, Wien)
Zwei gegenläufige, aber mit einander verknüpfte Entwicklungen erfordern nicht nur zunehmend die Aufmerksamkeit ethnologischer (aber auch anderer) Museen und ihrer BetreiberInnen, sondern sind als Ausdruck von Globalisierungsprozessen selbst zum Desiderat ethnologischer Forschung geworden. Auf der einen Seite führt die Transformation eines Teils jener Dinge, die als museal verwahrte Kulturdokumente in offentlichen Einrichtungen auserhalb der Markte stehen, in Waren, die auf dem Kunstmarkt bislang undenkbare Preise erzielen, zu neuen Herausforderungen im Hinblick auf den Erwerb und die sichere Verwahrung von Sammlungsbestanden und zur Zunahme von Nachahmungen, Fälschungen und illegalen Exporten aus den Ursprungsländern. Auf der anderen Seite werden dieselben Dinge von Nationalstaaten und Völkern der Vierten Welt, in denen die Idee der musealen Bewahrung erst als Folge von Globalisierungsprozessen Fuß gefasst hat und den eigenen Bedürfnissen angepasst wurde, in wachsendem Ausmaß als identitätsstiftendes Kulturerbe reklamiert und teilweise sakralisiert. Das Symposium zielt darauf ab, das in einen postkolonialen Diskurs eingebettete Wechselspiel von Warencharakter, Identitätsstiftung, Erkenntnisstreben, Authentizität, Legalität und ethischen Ansprüchen aus unterschiedlichen Perspektiven zu beleuchten, die angesichts der Fragestellung interdisziplinär ausgerichtet sind. Die eingeladenen ReferentInnen kommen aus ethnologischen, naturhistorischen und Kunstmuseen sowie aus dem Bereich der universitären Ethnologie.
17. September 2011, 12:00 bis 14:00 Uhr, Vortragssaal
Museum für Völkerkunde, Heldenplatz/Neue Burg, 1010 Wien
Die Wa(h)re Kunst. Das Kunstmuseum zwischen Kunstmarkt und Kunstgeschichte
Markus Brüderlin, Kunstmuseum Wolfsburg
Euphorische Anfange – dysphorische Gegenwart: Anthropologische Sammlungen im Spannungsfeld von Wissenschaft und Ethik
Maria Teschler-Nicola, Naturhistorisches Museum, Wien
Negotiating Heritage and Citizenship: From “Source” to “Heritage Communities”?
Sandra Ferracuti, Universita degli Studi della Basilicata, Matera
Verdrehte Objektwissenschaft. Authentizitat im Spannungsfeld von Markt und Postkolonialismus. Ein Fallbeispiel
Barbara Plankensteiner, Museum fur Volkerkunde, Wien